Warum Hamburg journalistisch gesehen ein Interesse und kein Ort ist

Menschen interessiert, was in ihrer Nähe passiert. Das ist eine These, die auch heute noch in wohl jeder journalistischen Ausbildung weitergegeben wird. Die kleine Baustelle um die Ecke hat für uns eine ganz andere Bedeutung, als die Großbaustelle am anderen Ende der Stadt – oder gar in einem anderen Ort. Das Thema Flucht wird für uns dann besonders relevant, wenn plötzlich ein Flüchtlingsheim in der eigenen Nachbarschaft entsteht. Und doch muss die Frage erlaubt sein: Trifft diese These noch in Gänze zu? Und welche Veränderungen entstehen durch das Internet?

Ein kleiner Exkurs: Vor einigen Jahren schossen plötzlich in mehreren Hamburger Stadtteilen sehr ambitionierte hyperlokale Onlineportale aus dem Boden. Auch ich war in der Szene aktiv, auch wenn mein Portal Elbmelancholie.de einen eher stadtweiten Ansatz verfolgte. Mehrere Journalistik-Studierende kamen auf uns Betreiber zu, verfassten Abschlussarbeiten zum Thema. Das alles liegt nur zwei, drei Jahre zurück. Von den zahlreichen Angeboten wird heute nur noch eines aktiv betrieben. Die anderen: wegen Zeit-, Geld- und Personalmangel eingestellt. Die damals aufgeworfene Frage, ob hyperlokale Onlineangebote ein Teil der journalistischen Zukunft sein können lässt sich heute – zumindest für die nahe Zukunft – mit nein beantworten.

 

Kollegen, die auf andere Pferde gesetzt haben, hatten auch nicht allesamt Erfolg, aber können doch eine etwas bessere Quote aufweisen. Websites oder Blogs zu speziellen Themen sind bisweilen kommerziell erfolgreich oder können zumindest eine solide Existenz in ihrer Nische rechtfertigen. Liegt das vielleicht daran, dass sie nicht darauf vertraut haben, dass Menschen interessiert, was in ihrer Nähe passiert, sondern dass sie ein spezielles Thema interessiert? Schauen wir uns die Funktionsweise der meisten sozialen Netzwerke an, finden wir Argumente dafür: Verkaufsplattformen zeigen uns, welche Produkte uns auch interessieren könnten. Facebook schlägt uns vor, wer oder was uns auch gefallen könnte und als Trending Topic gilt, was gerade viele Menschen interessiert.

 

Wir leben in sehr behüteten Verhältnissen. Wir können sehr gut durch das tägliche Leben kommen, selbst wenn wir uns nicht mit den Ereignissen in unserem direkten Umfeld beschäftigen. Wir suchen uns selbst aus, womit wir uns in unserer Freizeit beschäftigen. Die Auswahl ist beinah unbegrenzt. Wir können uns statt dem Kreisliga-Fußballspiel nebenan live über das Internet US-Sport ansehen und mit Fans auf der ganzen Welt über die Spiele diskutieren. Zwei Game-of-Thrones-Fans aus verschiedenen Erdteilen haben womöglich mehr Gesprächsstoff für eine gemeinsame Konversation als Nachbarn.

 

Informationen sind heute keine Mangelware. Wer sie übermitteln will, muss das Interesse beim gegenüber bewusst wecken. Wer Lokaljournalismus dieser Logik folgend wieder interessant machen will, muss sich ein Stück weit vom räumlichen Faktor lösen – und einen thematischen aufbauen. Hamburg – oder zum Beispiel die Sternschanze – nicht mehr als Ort, sondern als Thema ansehen. Oder besser noch: als Interesse. Der Hamburg-Interessierte ist dabei nicht zwingend nah. Er kann auch in New York wohnen, aber Hamburg-Liebhaber sein. Für ihn sind eine neue U-Bahn-Linie und die Frage, welche Züge eingesetzt werden, womöglich interessanter als für einen Hamburger, dem das egal ist.

 

Interessanter heißt freilich nicht relevanter. Und da wären wir bei der Königsdisziplin: Wie schaffe ich es, jemanden für etwas zu interessieren, dass relevant für ihn ist? Auf diese Frage gibt es keine zufriedenstellende Antwort. Die Suche nach einer solchen sollte jedoch jeden Journalisten beschäftigen. Denn es fällt auch auf: Das Interesse Hamburg und das Interesse „Eigene Nachbarschaft“ – beide existieren. Und es sind aktuell vor allem Marken und Unternehmen, die hier voran gehen. So experimentiert aktuell vor allem die Haspa mit Apps abseits ihres Kerngeschäfts, setzt auf Schließfächer und Ausgehtipps.

 

Nicht zuletzt aufgrund der wachsenden Bedeutung von Algorithmen werden wir eine zunehmende Aufbereitung von Themen nach Interessen erleben. Dem Journalismus ist das gar nicht fremd. Ressorts wie Sport, Politik und Wirtschaft adressieren dieses Denken bereits, zum Teil zum Beispiel durch einen herausnehmbaren Sportteil in der Zeitung sogar sehr deutlich. Interessen sind zudem besser zu vermarkten, als Orte, wenn man an Anzeigekunden denkt. Die lokale Tanzschule etwa wird mit ihrer Werbung mehr Erfolg bei einem an einem Tanzkurs interessierten Leser aus dem Nachbarort haben, als bei einem Bewohner der gleichen Straße, der keinen Tanzkurs belegen will. Das ist auch der entscheidende Grund, weshalb Special-Interest(!)-Magazine wirtschaftlich oft besser dastehen als General-Interest-Angebote.

 

Für das Lokale im Journalismus kann das zweierlei bedeuten. Entweder es spaltet sich auf: Lokale Wirtschaftsthemen werden gemeinsam mit nationalen und globalen im Wirtschaftsteil abgebildet, lokale Sportthemen im Sportteil. Oder aber es gelingt, das Lokale mehr als Interesse, denn als Ort zu verstehen. Für Regionen wie Hamburg kann dies allemal gelingen.

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